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Gedankengut
1. Quartal 2007
Ewigkeitskosten
Nein, „Optimismus“ ist nicht das Wort des Jahres 2006 geworden (siehe Gedankengut Januar 2006). Aber mit der „Fanmeile“ (laut Gesellschaft für deutsche Sprache e.V.) hat sich das WM-Jahr verewigt und damit auch etwas Optimismus. Zu viel wäre auch nicht gut, denn: die Deutschen sind ja eigentlich Spitzenreiter im Pessimismus. Zu diesem Ergebnis kam jedenfalls der 681-seitige Datenreport 2006 (Statistisches Bundesamt). Ab Seite 441 kann man dort nachlesen, wie es um das subjektive Wohlbefinden der Bürger bestellt ist. Allerdings konnte da die gute Stimmung des letzten Jahres nicht berücksichtigt werden, die Datenbasis endet 2004. Das Wort des Jahres 2004? „Hartz IV“.
Also bleibt zu hoffen, dass die Deutschen im Datenreport 2008 dann nicht mehr so düster gestimmt sind, wenn der Jubel der „Fanmeile“ statistisch aufbereitet wird. Möglicherweise könnten dann aber die Ewigkeitskosten den Blick trüben die Kohle, die uns die Kohle bzw. der Verzicht auf die Kohle kostet. Diese bizarre Wortschöpfung taucht in letzter Zeit immer häufiger auf und hätte Potenzial zum Wort des Jahres 2007. Nein, bei den Ewigkeitskosten geht es, wie bereits angedeutet, nicht um die Frage, was uns unsere Ewigkeit kostet, sprich das „Immer-Älter-Werden“ und der Trend zur ewigen Jugend. Obwohl auch das ja nicht unproblematisch ist. Die durchschnittliche Lebenserwartung hat sich seit 1870 mehr als verdoppelt, für Männer von 35,6 auf 76 und für Frauen von 38,5 auf 81,6 Jahre. Wir leben immer länger. Und je länger wir leben, desto länger sind wir alt. Und im Alter wird man öfter krank. Das kostet. Weil das aber keiner mehr bezahlen kann, sollen wir jetzt eigenverantwortlich Prävention betreiben. Man könnte auch sagen, wir sollen die Vorsorge aus eigener Tasche bezahlen, damit wir nicht zur (Alt)last werden, aber das klingt nicht so gut. „Anti-Aging“ ist angesagt, oder wie Mediziner bevorzugen „Good Aging“ oder „Better Aging“.
Kompetenter Umgang mit Konflikten und Stress sowie gute und lange Ausbildung gehören laut einer Harvard Studie (Vaillant 2002) zu den zentralen Einflussgrößen für ein langes, zufriedenes Leben pardon zum „Good Aging“. Kompetenter Umgang mit beruflichem Stress? Kein Thema, wenn man keinen Beruf mehr hat, weil zwar keine Kohle mehr aber dafür Arbeitsplätze abgebaut werden. Wie man allerdings kompetent mit dem Stress der Arbeitslosigkeit umgeht oder für gute und lange Ausbildung sorgt? Darüber könnte man jetzt ewig diskutieren.
Was unser „Immer-Älter-Werden“ mit den Ewigkeitskosten des deutschen Steinkohlebergbaus zu tun hat? Zu den Ewigkeitskosten gehören neben Stilllegungs- und Folgekosten für Bergschäden, Grundwasserreinigung u.a. auch die Renten der Bergbauleute. Und je älter die Menschen werden, desto länger sind Renten zu zahlen. Lange oder länger, aber nicht ewig, denn irgendwann müssen wir ja doch sterben, wie die Zechen. Und deshalb gehören diese Altlasten (die Pensionszahlungen nicht die Bergleute) zu den „nicht echten“ Ewigkeitskosten. „Echt makaber“, würde die 14-jährige Nichte jetzt sagen. Humor ist wenn man trotzdem lacht, und manchmal auch ein bisschen schwarz, wie die Kohle. Halten wir es mit Ludwig Wittgenstein (Tractatus 6.4311): „Wenn man unter Ewigkeit nicht unendliche Zeitdauer, sondern Unzeitlichkeit versteht, dann lebt der ewig, der in der Gegenwart lebt.“ oder ganz einfach mit Erich Fromm (Haben oder Sein): „Das Hier und Jetzt ist Ewigkeit.“
Natalie Homberger

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